Nach langer Blog-Abstinenz hat es der ThinkTank "Jean-Luc und die Singularität vorm falschen Fenster" geschafft mich wachzurütteln...

Es waren ein sehr interessante Stunden, die ich zwischen Freitag Abend und Sonntag Nachmittag mit den ca. 30-40 anderen Teilnehmern des ThinkTank im Theaterkombinat Hebbel am Ufer verbracht habe. Es war eine recht bunte Mischung von Leuten, die sich dort zusammen gefunden hatte um über die Zukunft zu philosophieren, nachzudenken und zu beratschlagen.
Während Freitags noch in einer Art Fragenbrainstorming Themen und Fragestellungen zusammengetragen und kategorisiert wurden fand man sich am Samstag in kleinen Gruppen um die jeweils interessantesten Kategorien zusammen. Mich verschlug es in die Gruppe um den Themenkomplex "DIY 2.0 und Replikation", der sich mit neuen Fertigungstechniken und immer weiter automatisierten Abläufen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft beschäftigte.
Im lockeren Gespräch tauschten wir unsere Meinungen und Ansichten aus und machten uns Notizen in unserem Etherpad Make It So!. Wen wunderte es da, dass die Zeit wie im Fluge dahinzog und wir plötzlich überrascht die Zeitansage hörten, das sin eienr Stunde die Ergebnisse präsentiert werden sollten. Wir hatten zwar viele Themenbereiche angeschnitten in unserer Diskussion doch war das Feld viel zu weit um innerhalb einer Stunde etwas davon in ausreichender Tiefe zu behandeln. Stattdessen entschlossen wir uns einen kleinen Ausblick in die Zukunft wie wir sie uns vorstellen in Form einer Kurzgeschichte zu geben und der Magie des Nichtgesagten es zu überlassen die Fremdartigkeit dieser Vision zu vermitteln.
Geschrieben haben wir die Geschichte in einem wilden gegenseitigen Inspirieren, das sich sehr schoen durch die bunte Farbgebung des Textes im Etherpad erkennen lässt. Dementsprechend entschieden wir uns auch dafür statt die Geschichte von einer Person vortragen zu lassen, sie gemeinsam zu lesen und aufzunehmen. Diese Aufnahme spielten wir dann Anstelle eines Referats ab ;)
Hier nun aber ohne weitere Umschweife unsere Geschichte:
Berlin Kreuzhain, 2065.
"Das war dann wohl der Letzte," dachte Paul. "IKEA, noch von meinen Eltern, bestimmt 50 Jahre alt." Zuletzt hatte er den Stuhl immer noch restauriert. Und nun für dieses Sammlerstück ein neues Stuhlbein drucken? Ein Sakrileg. Also musste etwas ganz und gar Neues her.
Sabine hatte ihm doch da letztens so ein tolles neues Ishō auf united-objects.org ruebergetwipst. Souta Jensen war in den letzten Wochen immer wieder auf die vorderen Plätze in den Möbelcharts gelangt und Sabine hatte auch schon ihre halbe Wohnung mit von ihm programmierten Grundformen eingerichtet.
Mit einem schnellen Druck auf die Wand aktivierte er also den integrierten Multitouchscreen und rief die Kategorie Stühle auf, sortiert nach Beliebtheit und aktuellen Mutationen. Verschiedene Varianten drehten sich als 3D-Ansicht. Ah, da war es ja! "Computer, visualisieren" sagte Paul in den Raum und das Licht dimmte sich als sich der Stuhl als 3D-Hologramm vor ihm aufbaute.
Kritisch betrachtete er es. "Hm, das ist ja ganz nett, aber irgendwie fehlt da was", murmelte Paul während er in das Hologramm hineingriff und die Lehnen etwas länger zog und die Größe der Sitzfläche besser auf sich zurechtzog. Nun passte sich noch die Höhe an. Der Ishōmind achtete ungefragt sowieso darauf, dass der Stuhl Pauls gespeichertem Biometrieprofil genügte.
Farbe und Material wurden sichtbar und fühlbar. Paul befragt den Ishōowner Souta nach Rat. Eine Anfrage zur Videoübermittlung erschien vor Paul im Raum. Nickend stimmte Paul zu und Souta bekam ein Bild seiner aktuellen Einrichtung übermittelt. Souta überlegte kurz und nahm ein paar Einstellungen vor, worauf das Hologramm seine Farb- und Materialvorschläge annahm. Paul staunte und verständigte sich nickend mit Souta. So sollte er werden, der neue Stuhl.
Paul drückte "reality". Die Printstation des Hauses erhielt den Auftrag. Während Paul sich vom Hologramm erhob, es wegwischte und sich langsam in Bewegung setzte, hatte der Printer schon die ersten Bahnen gezogen. Paul ging zum Printer und nahm seinen Stuhl in Empfang.
In der Küche angekommen setzte er ihn unnötig vorsichtig ab und nahm Platz. Rutschte nach vorne, rutschte nach hinten. Hob ihn in die Luft. Klopfte auf das Material. Leicht, robust - genau so wie Sabine es sagte. Aber wo waren die Kratzer der Eltern? Wo der Charakter? Der Blick ging Richtung IKEA. Die schwedischen Klassiker erzielten Spitzenpreise bei ebay - kein Vergleich mit den replizierten Trendmöbeln, die dem Designer nur ein paar Creats einbrachten.
Die Küche fühlte sich ohne "Kaustby" irgendwie anders an. "Tee.", bestellte Paul beim Replimat. "Earl Grey, heiß."
Ich weiss nicht inwieweit es uns gelungen ist den Geist, dieser von uns erdachten Zukunft einzufangen, aber Technologie formt auch immer die Gesellschaft. Zuviele Zukunftsvisionen bestehen nur aus $NewTechnology in derselben Gesellschaftsform in der sich der Author befand. Dies ist in usneren Augen ein Trugschluss. In einer Welt in der z.B. die Produktionsmittel so weit fortgeschritten sind wird eine über das Arbeitsverhältnis dominierte Gesellschaft wie die unsere keine chance zu überstehen haben. Schon alleine aus dem Grund, dass an Arbeit im klassischen Sinne viel zu wenig Bedarf bestehen wird um mehr als nur einen kleinen Teil der Gesellschaft zu beschäftigen. Es ist unsere Hoffnung, dass die Menschheit sich an dieser Stelle weg vom klassischen Kapitalismus und hin zu einer Kulturschaffenden Gesellschaft bewegen wird.
Den Abschluss des Abends bildete dann eine Revue mit unterschiedlichsten Sprechern quer durch alle Themengebiete. Wirklich fesselnd fand ich aber nur @plomlompoms "Singularität in 300 Sekunden" und den Vortag des Verlegers über seine Angst vor dem Internet. Die restlichen Beiträge des Abends vermochten mich irgendwie nicht so wirklich vom Hocker zu reissen.
Sonntags fand man sich dann morgens nochmal zu einer gemütlichen Runde zusammen um über die Veranstaltung, ihr Format und was man als nächstes tun möchte zu diskutieren. Dem nachdem späten Mittagessen folgenden CoffeTable Talk konnte ich dann leider nicht mehr beiwohnen, da ich zurück nach Hamburg musste...

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2010-01-13 11:51